Kann ein Text seine Autorin gefangen nehmen?
Der Film Verity stellt eine Frage, die in der Oper seit 400 Jahren verhandelt wird. Er hätte selbst eine werden sollen.
Von Stefan Schulz · 25. Oktober 2026

Vor einer Weile sah ich eine langweilige Oper – Capriccio. Als ich Matthias Matschke auf der Buchmesse davon erzählte, wie langweilig ich sie fand, und er mir sagte, er sei nicht nur für sein Buch (Falschgeld) in der Stadt, sondern auch um seine Frau zu begleiten, die damals in Frankfurt in Capriccio eingesprungen war, hatte ich die Pointe zum Glück parat, die mich am Fettnäpfchen vorbeiführte.
Capriccio ist, wie Sebastian Weigle in einem Einführungsvideo der Oper Frankfurt betonte, „ein Konversationsstück“. Man ist schlicht dabei, wenn auf der Bühne Sachverhalte verhandelt werden. Man hört einem Gespräch zu, mehr gibt es kaum zu erleben. Keine Drehbühne, kein Kulissenwechsel, kein offenes Feuer, keine Tiere, niemand fliegt, niemand fällt, niemand stirbt. Nicht eine Tür wird zugeschlagen. Man macht nicht mal Licht an und aus. (Die letzten drei Minuten von all dem ausgenommen, das gehört zur Pointe des Stücks.)
Was wurde in der zweieinhalbstündigen Konversation verhandelt? Ein Streit natürlich. Ich trage es aus dem Programmheft zusammen, Johannes Haßkerl schrieb: Ende des 16. Jahrhunderts, mehr als drei Jahrhunderte bevor es Richard Strauss während des Zweiten Weltkriegs in München auf die Bühne brachte, wurde eine „neue Art des Sprechgesangs“ entwickelt. Man interessierte sich für die griechische Antike und strebte ein „Wiederbeleben der antiken Tragödie“ an. Die Experimente darum führten zur „Monodie“.
„Die Herrin des musikalischen Satzes“ sei „der Textvortrag“, befand Claudio Monteverdi. Damit meinte er das gesprochene Wort. Nach ersten Höhenflügen mit den Kompositionsregeln sollte die Musik damit zur „Magd“ werden und sich in den Dienst des Textes und seiner Verständlichkeit stellen.
Das beantwortete mir später viele Fragen, die ich früh an die Oper hatte. Wenn sie es doch können, warum durchseuchen sie ihre Werke nicht mit Superhits? Es ist ein Naturgesetz, dass Giacomo Puccini Musik schreiben kann, die jeden bewegt. Er selbst soll hin und wieder beim Vom-Blatt-Lesen in seine Partituren geweint haben.
Aber er lässt uns zappeln. E lucevan le stelle kommt in Tosca erst im dritten Akt und ist kurz. Dasselbe mit Nessun dorma. Erst im Akt drei von Turandot und im Ablauf kein großes Aufhebens darum. Diesen reduzierten Code umweht ein Geheimnis, aber man findet ihn immer wieder. Se pietà di me non senti von Händel einfach versteckt gegen Ende des zweiten Akts von Giulio Cesare in Egitto.
Wenn Opernkenner nach einer Vorstellung darüber reden, was sie gehört haben, ist es, als würde man mit Ingenieuren über Autos reden. Als sollte man nichts fühlen, wenn man über Gesang spricht. Ich beteilige mich dann ein wenig, weiß aber, dass mir eigentlich egal ist, was gesungen wurde und wie verständlich es war. Mich interessiert, wie es mir gefällt, und mir ist ziemlich egal, wie es anderen da geht. Wenn mir etwas besonders gut gefällt, werde ich zum Missionar, ansonsten darf die Konversation auch im Sande verlaufen.
Diese Konversation zum Verhältnis von Text und Ton kann man nun in Capriccio verfolgen. Man bekommt auch eine inhaltliche Antwort. Im Programmheft wird dann aber auf Mozart verwiesen, bei ihm „vereinigte sich allmählich das geschichtlich Gewachsene […] mit dem genuin Schöpferischen zu einer Einheit von Welt und Musik“. Tja, dann doch lieber gleich in eine Oper von Mozart gehen, statt nur darüber zu fachsimpeln.
Heute jedenfalls wurde ich daran erinnert. Ich habe Verity gesehen, den aktuellen Film mit Anne Hathaway, Dakota Johnson und Josh Hartnett. Wie in der Oper war mir die Story egal, ich wollte diese Schauspieler sehen.
Dann allerdings stellte der Film die Frage, ob es Autoren möglich ist, einen Text so wahrhaftig und überzeugend zu schreiben, dass man den Kampf gegen dessen Wirklichkeit selbst als sein Erschaffer verlieren kann. In diesem Fall ließ sich eine Autorin, die zu Beginn als die womöglich erfolgreichste der Welt vorgestellt wird, von ihrem eigenen, unveröffentlichten Text, der nur einen zufälligen Leser fand, gefangen nehmen – in ihrem unglücklichen Leben, in ihrem Haus, sogar in ihrem Körper.
Man muss diese Fragestellung des Films aber erkennen. Und hierbei hilft es nicht, reflexartig Transfers aus anderen Diskursen zu machen, weil Frauen und Gewalt, Familie und Liebe, Lebensentwürfe und spontane Sehnsüchte gezeigt werden. Siehe in der F.A.Z.: „Wie der Film Verity Gewalt gegen Frauen verharmlost: Hier wird jedes reaktionäre Klischee bedient“. Es ist ein guter Text mit wichtigen, diskussionswürdigen Themen. Aber sind es die des Films?
Ich möchte nichts weiter zum Film verraten. Der Film ist im Kino und man kann ihn sehen.
Ich möchte aber auf das Paradox hinweisen: Der Film verhandelt die Differenz von Kunst und Künstler, anhand eines Bucherfolgs, der angeblich nur noch über Tiktok möglich ist, was natürlich beeindruckt und in viele Rezensionen das Wort „Booktok“ bringt, als sei ein kurzes Video ohne den langen Text allein schon ein erwähnenswertes Phänomen.
Abgelenkt von allem, was uns heute ablenkt, möchte ich behaupten, dass ausgerechnet das Sujet dieses Films nicht nur verlachtes Internetphänomen wäre, hätte man im Format den richtigen Ton getroffen. Womit ich meine: Hätte man aus diesem Buch über ein Buch nicht einfach einen Film gemacht und wie manchmal noch ein Musical, sondern eine richtige Oper, mit Musik und Gesang und einer guten Mischung aus aufgesparten und auftrumpfenden Highlights in der Gestaltung, wäre es vielen Menschen leichter gefallen, in einer Konversation zu behaupten, dass nichts so weit in den Abgrund der Menschlichkeit führen kann wie ein wahrhaft überzeugender Text, dessen Wirklichkeit keine Wahrheit zeigt, sondern gerade ihr Gegenteil.
Und das ist, wer hätte es gedacht, auch die wahnsinnig unterhaltsame Antwort in Capriccio.