Kategorie: Groundbreaking

  • Wo verankern wir die „Realität“?

    Wo verankern wir die „Realität“?

    Auf der Suche nach Orientierung werden jetzt Haken geschlagen. Normale Menschen nehmen zwar auch morgen denselben Bus wie gestern, kaufen weiterhin dasselbe Brot und sie hören dieselben Podcasts. In denen allerdings regiert nun das Chaos, was sich darin zeigt, wie angestrengt geruhsam die Erforschung von Realität und Richtung verläuft. Journalisten, die nicht mehr weiterwissen, könnten das stattdessen auch ehrlich sagen.

    Paul Ronzheimer betitelte seinen Podcast heute Morgen Scholz’ „Hofnarr“-Ausraster: Paul stand daneben. Hofnarr, Ausraster, Paul? Nennen wir ihn Paul. Er war auf der Geburtstagsfeier eines Industriellen, mit anwesendem Kanzler und weiteren Wahlkämpfern. Worte sind gefallen, Skandale werden konstruiert, aber erst Tage später. Ausgerechnet Ronzheimer fragt in seinem Podcast:

    „Natürlich belastet es den Wahlkampf. Erstens kommt Olaf Scholz nicht mehr mit den Themen durch, die er setzen wollte. Also neben den klassischen SPD‑Themen, Arbeit, Rente, Wirtschaft, da hört momentan keiner zu. (…) Und ich bin mal gespannt, wie lange das groß bleiben wird, denn man kann ja auch durchaus die Frage stellen, ob wir hier im Land irgendwie nochmal über die großen Themen sprechen sollten.“

    Paul Ronzheimer

    Wir wissen, welche Themen nun „groß“ werden und in den kommenden Stunden „hier im Land“ (in den Podcast-Sonderfolgen) besprochen werden: München, Afghanen, Aufenthaltstitel, Anschlag, Abschiebung, Ausländer.

    Ebenfalls heute Morgen war Louis Klamroth von hart aber fair bei Markus Feldenkirchen im Podcast zu Gast. Dort dasselbe Spiel. Markus stand nicht wie Paul direkt neben dem Kanzler, als dieser vermeintlich rassistisch redete. Aber der Kanzler hatte einen Termin bei ihm, nachdem die Vorwürfe publik wurden.

    „Also ich glaube, Markus, du musst mir erzählen, wie du darauf schaust, weil du hattest wieder mal ein perfektes Timing und an dem Tag, an dem diese Meldung rauskam, hast du Olaf Scholz zum Spitzengespräch gehabt. Insofern, ich gehe davon aus, du wirst mit ihm gesprochen haben.“

    Louis Klamroth

    Für Louis Klamroth ist der Kanzler ein Verlierer „der ganzen Sache“. Weil „Olaf Scholz, dem jetzt kurz vor Ende dieses Wahlkampfes noch so eine Geschichte reinkommt und er dann unter anderem bei dir und in anderen Formaten, wo er zu Gast sein wird, darüber sprechen muss und nicht über die Inhalte, über die er wahrscheinlich gerne sprechen würde.“

    Komisch. Die Journalisten, Wahlkämpfer, Politiker reden ständig darüber, über welche Themen sie nun nicht reden können, obwohl sie es wollten. Es ist wie im Märchen, irgendwo drückt ständig der Schuh. Der gehört auch noch wem anderem. Blut fließt, man wartet aufs Happy Ending, nur kommt es nicht, es gibt in der Politik ja kein Ende.

    Sehr eindrucksvoll war das Hakenschlagen heute Morgen bei Robin Alexander im Podcast. Er geht immer eine Extrameile, um seine Themen zu platzieren. Er hatte es schon angekündigt, als er kurz vor Weihnachten beim Politikpodcast-Jahresrückblick des Deutschlandfunks mit zu Gast war:

    „Also wir merken, dass wir uns dahin entwickeln, dass wir immer kleinteiliger erklären. Also dass unsere Meinung gar nicht so gefragt ist, sondern dass wir, also wir machen ja jetzt auch deutsche Politik, Berliner Politik, dass wir sehr klein erklären, wie ist ein parlamentarischer Ablauf und wie ist der Streit in der Union jetzt. Und vielleicht auch, weil wir beide uns so sehr mögen, dass wir da nicht so ein Konfliktpotenzial haben. Also wir sind eher so Erklärbär und Erklärbärin.“

    Robin Alexander

    Heute hat er sich wieder vorgeführt, als Erklärbär auf vermeintem Gelände. Wie platziert man ein totgeredetes Thema so, dass es alle anderen verdrängt? Abschiebung, Asyl, Aufenthaltsrechte, Asyl, Abschiebung, Asyl, Ausländer, Asyl, Abschiebung. Haben wir nicht schon genug darüber geredet?

    Robin Alexander hängt seinen heutigen Podcast, die Dankbarkeit können wir ihm zollen, nicht an einer Autofahrt auf (dafür war er zu früh), sondern an einem Text, geschrieben im Spiegel von einem der „bedeutendsten Historiker Deutschlands“ (Spiegel). Wir können ihn auch „Wer kennt ihn nicht?“ (Stefan) – Heinrich August Winkler – nennen. Es reicht fast, die Überschrift seines Textes zu lesen: Die deutsche Asyllegende. Das „subjektive individuelle Grundrecht“ sei, sofern überhaupt noch erwähnenswert, „eine Geschichtslegende“, eine Behauptung.

    Hätte man vermuten können, die alten Historiker hängen an den alten Errungenschaften. Nein, sie schreiben schon so, wie die jungen Leute TikTok machen. Der Leser gönnt dem Content ja nur 0,3 Sekunden, also schreibt man besser alles schon in den ersten Absatz:

    Eine Geschichtslegende behauptet sich in Deutschland: die Legende vom subjektiven individuellen Grundrecht auf politisches Asyl, das der Parlamentarische Rat 1948/49 in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen habe, um eine Konsequenz aus der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus zu ziehen. Tatsächlich war die Entstehungsgeschichte des Artikels eine andere. Die These vom subjektiven individuellen Asylrecht widerspricht den Absichten der Verfassungsschöpfer.

    Soweit so gut. Der Rest wird im Podcast entfaltet. Die Dumbledorehaftigkeit des Professorentums ergänzt Robin Alexander mit den entsprechenden Hinweisen auf die akademischen Arbeiten Winklers zur SPD, der Arbeiterbewegung und Deutschlands Schicksal. Die Klangfarbe der Ausführungen können wir uns vorstellen, Dagmar Rosenfeld leitete so ein: „Und es ist nicht irgendein SPD-Mitglied und nicht irgendein Historiker, sondern der wohl bedeutendste deutsche Zeitgeschichtler, nämlich Heinrich August Winkler.“ Ok, ok, ok, ich kapituliere ja schon und lausche andächtig.

    Robin Alexander führt aus. Winkler habe ja schon mal so publiziert, damals 2016, frisch aus der SPD ausgetreten, verwies er bereits darauf.

    Machtwechsel

    Kurzform: Deutschland hat, durch sein schlechtes Gewissen, 1945 einen zweiten „Sonderweg“ eingeschlagen. Der erste führte in Faschismus und Weltkrieg, der zweite „überkompensierte“ die „Heilungsgeschichte“ zurück in die Zivilisation und gönnte den Flüchtlingen dieser Welt ein individuelles Ankunftsrecht in Deutschland. Das Bundesverfassungsgericht hat es zwar in jahrzehntelanger Rechtsprechung immer so gesehen, doch es entspricht nicht der Idee des Grundgesetzes. Nun müsse das leicht übergeschlagene Pendel zurück ins Lot.

    Diese Herangehensweise an zeitgenössische Politik kennen wir schon von den Originalisten, Textualisten, Realitätsausblendern in Amerika. Dort werden Probleme nicht mehr mit Politik gelöst, man zieht sich stattdessen zurück und konsultiert nochmal die toten Gründungsväter. Was würden diese Legenden der guten alten Zeit heute sagen? Wissen wir nicht, sie sind ja tot. Aber irgendwo im Text wird sich die Antwort schon finden lassen, also lesen wir noch einmal genauer.

    Allerdings muss das neue, alte Wissen – frisch interpretiert – dann auch in die Welt. Da wir keinen ahnungslosen Donald Trump haben, der Josh Hawley lesen und Elon Musk werkeln lässt, muss was anderes Grenzüberschreitendes und Unhintergehbares her. Wie wäre es mit einer waghalsigen Theorie, passend zu einer politischen Praxis, die keine Alternativen mehr zulassen möchte?

    Sechs Minuten nach seinem Winklerzug zur deutschen „Asyllegende“ redet Robin Alexander über Ruud Koopmans, Sozialwissenschaftler aus den Niederlanden, der sich mit Migrationsfragen beschäftigt.

    Kurzform: Bevor Politiker „politisch sterben“, weil sie zu viel über Migration reden, aber nichts passiert, könnte „man durch eine deutsche Grenzschließung einen Schockmoment“ auslösen. Das würde „die Europäische Union so schocken, dass die dann in ernsthafte Verhandlungen kommen“.

    Dass man für diese einfachste aller Überlegungen überhaupt Autoren braucht, oder es als „Theorie“ labelt, ist lächerlich genug. Was soll das überhaupt für eine Idee sein? Eine Grenzschließung zu Österreich allein würde die Ressourcen des Staats bereits aufbrauchen. Wer schließt die anderen Grenzen? Welche Bundespolizei ruft ein Fahrscheinkontrolleur in Stuttgart an, wenn ein Schwarzfahrer keine Lust auf die übliche Prozedur hat?

    Die politischen Podcasts sind alle toll! Aber sie haben ein gestörtes Verhältnis zur Realität, zur Geschichte, zur Politik und zu den Politikern. Die Wahrheit liegt entweder in den alten Ideen, hinter den alten Texten oder in der Radikalität der politischen Praxis von morgen. Wer weiß das schon, warten wir es ab. Ohje. Der Satz „aber die Grammatik stimmt“ darf nicht ausreichen. Die Dinge sollten auch zueinander passen und relevant sein. Wir kommen im nächsten Live-Salon darauf zurück.

  • Trumps unerhörte Kriegsführung

    Trumps unerhörte Kriegsführung

    Das erste, was in Kriegen stirbt, ist bekanntlich die Wahrheit. Gespräche über Kriege fallen dadurch schwer. Wer über sie redet, führt sie immer auch ein bisschen. Nicht einmal der Spruch „Don’t mention the war“, ursprünglich aus einer britischen Comedy-Serie mit dem Episodentitel „The Germans“, diente als Schlussstrich. War ja eh anders gemeint. „In der Küche keine Politik“ ist auch nur als Kampfansage zu verstehen. Die einfachste Definition von Krieg ist daher: Krieg ist, was wir nicht wollen, nicht mal darüber reden.

    Krieg ist damit schlicht das Gegenteil von Frieden und Wahrheit, aber dadurch: totale Wirklichkeit. Wenn Krieg ist, ist Krieg, ob man (darüber reden) will oder nicht. Worauf man sich noch gemeinsam verständigen kann, ist, wann sie begannen: 1. September 1939, 28. Juli 1914, 12. April 1861, Prager Fenstersturz, Helenas Entführung. Der Schweinekrieg zwischen Amerika und Großbritannien begann am 15. Juni 1859, als ein Bauer auf San Juan ein Schwein erschoss.

    Wikipedia

    Ziemlich schlagfertig, Bauer Griffin. Es ging glimpflich aus, wir können darüber lachen, es starb nur das Schwein. Die Amerikaner schickten allerdings ein Infanterieregiment, die Briten mehrere Kriegsschiffe. Es standen sich 461 Amerikaner mit 14 Feldkanonen und 32 Marinegeschützen und 2140 britische Soldaten mit 70 Geschützen gegenüber. Niemand schoss. Der amerikanische Präsident schickte vermittelnde Briefe, die Soldaten blieben stationiert. Mehr als zehn Jahre später vermittelte der deutsche Kaiser Wilhelm I. in der Angelegenheit, die Insel San Juan fiel Amerika zu.

    Das könnte demnächst wieder interessant werden. Der Oregon-Vertrag von 1846 regelt, dass die Insel zu Amerika, nicht zu Kanada gehört. Das war damals strittig, weil es zwei Wasserstraßen zwischen den Inseln gibt. Die Briten fuhren so rum, die Amerikaner fuhren andersrum. Mal sehen, wann Donald Trump davon hört. Die Grenze zwischen Amerika und Kanada ist etwa 2000 Kilometer lang schnurgerade (49. Breitengrad), bis sie bei San Juan komplizierte Haken schlägt und dann im Ozean endet.

    Google Maps

    War die Sache mit dem Schwein nun ein Krieg? Wird es noch einmal einer? Woran erkennen wir Krieg? Krieg ist, wenn wir neue Grundbegriffe lernen. Eskalationsdominanz zum Beispiel. Oder wenn wir Eskalationen im Diskurs erleben: 5000 Schutzhelme, 1000 Panzerfäuste, 500 Boden-Luft-Raketen, Fliegerfäuste, Gepard-Flugabwehrpanzer, Panzerhaubitzen, MARS II Raketenwerfer, Marder Schützenpanzer, Leopard-2 Kampfpanzer, Patriot, F-16-Kampfflugzeuge, bis hierhin. Das ist Krieg.

    Putin hat ihn am 24. Februar 2022 begonnen, Menschen sterben bis heute, wann er endet, wissen wir nicht. Oder begann er doch schon 2014? Was hatte Putin noch einmal am 21. Februar 2022 gesagt, als er die „Volksrepubliken“ im Osten der Ukraine als russische Regionen anerkannte? Was hat er am 18. März 2014 in der Rede zur Annexion der Krim gesagt, was auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007, was im Bundestag 2001? Wann ging das eigentlich los?

    Politikum.org

    Und wann begann Donald Trumps Angriffskrieg gegen die Weltwirtschaft? Oder ist es gar kein Krieg, weil nirgendwo ein Panzer fährt? Fährt wirklich nirgendwo ein Panzer? Putin führt seinen Krieg gegen die Ukraine auch mit „nicht kinetischen Mitteln“ – Cyberangriffe, Sabotage, Desinformation – oder zumindest hybrid. Was unterstellten wir Donald Trump, dem Präsidenten, auch schon als Wahlkämpfer?

    Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin, ist nicht mehr. Der Krieg kommt ja jetzt zu uns. Per Drohne, als Bauschaum im Auspuff, Nachricht in den Tagesthemen oder als Zollschranke, gestrichene Entwicklungshilfe, vogelfrei-begnadigte Paramilitärs. Ja, Menschen sterben, manche sind schon tot, es werden weitere sterben, viele werden flüchten. Ist ein Handels- und Wirtschaftskrieg überhaupt ein Krieg? Heike Buchter, Journalistin der Zeit, war heute Morgen im Politikpodcast ihrer Zeitung zu Gast und sprach dort über den Handelsbilanzdefizitkonflikt, der Amerika seit einer Weile mit der Welt verbindet: „Wenn du hier guckst, als hier die Industrie abgewandert ist, ich habe hier Landstriche gesehen, wenn du da durchfährst, da hast du gedacht, da ist Krieg gewesen.“

    Wenn es aussieht wie ein Krieg, war es vielleicht einer. Vielleicht reicht es, dass es sich für die Beteiligten so anfühlt. Aber wann hat er begonnen? Donald Trump ist jetzt Präsident. Aber er hat ja auch schon vorher politische Reden gehalten, vielleicht nicht so, wie Putin, aber die amerikanische Sehgewohnheit ist uns ja nicht so fremd, dass wir das nicht einpreisen können: Heute sitzt man in Podcasts bei YouTube und plaudert. Trump saß damals in Talkshows im Fernsehen und plauderte. 1988 bei Oprah Winfrey:

    Sein Wortlaut: „We let Japan come in and dump everything right into our markets. It’s not free trade. I want free trade, but I want it to be like, at least we break even, right? We do something.“ Wollte er Präsident werden, fragt sie ihn damals. Nö, sagt er. Aber: „If you pick me, you’re going to pick a winner.“ Nun, 36 Jahre später, haben wir den Salat, er ist der Gewinner und er entschied sich für den Krieg, von dem er damals schon sprach. Debatten darüber, wer ihn begann, wer ihn eskaliert, wie er enden könnte, sind müßig. Kriege müssen geführt werden. Frieden und Wahrheit gehen verloren, die Wirklichkeit bleibt.

    Die Wirklichkeit ist, wir haben einen Wirtschaftskrieg. Wir können zwar hoffen, dass die Seewege künftig nicht freigeschossen werden, um die Milliarden von Shein- und Temu-Paketen, aber auch jegliche Haushaltselektronik in Amerika und Europa auszuliefern. Wir können auch hoffen, dass wir weiter an die elektrischen Gehirne in Amerika angeschlossen bleiben und nicht plötzlich auf chinesische Alternativen beschränkt sind oder – das Schlimmste – auf Europas neue KI-Forschungsfinanzierung warten müssen 😩.

    Es kommt aber schon wieder darauf an, welche Routen die Schiffe (Lesehilfe: Chiffre [ˈʃɪfʁə]) fahren und welche Schweine wessen Kartoffeln fressen. Wo Grenzen sind und wo Kanonen stehen, ist wieder Gegenstand der Debatten. Wer einen Krieg nicht führen will, muss wenigstens diese Debatten führen! (Pointe: Die Debatten sind schon der Krieg.) Vielleicht wird nirgendwo geschossen, aber in der Bilanz wird man sich bald auch darüber verständigen, dass es aussieht, als wäre Krieg gewesen.

    Positives gibt es trotz allem zu sagen. Auch wenn deutsche Journalisten derzeit noch glauben, irgendwo gebe es in Amerika einen letzten Vernünftigen, der in Trumps neuem Deep-State für sie ans Telefon geht. Who you gonna call? ist jetzt eine Frage ohne Antwort. Wir sehen aber dafür auch hierzulande schon keinen Lars Feld (Chiffre) mehr, der uns den Wirtschaftskrieg als Strukturwandel (специальная операция, ʃpeˌt͡si̯aːlʔopeˌʁaˈt͡si̯oːn) verkaufen möchte. Ein bisschen Wahrheit ist noch übrig.

  • Michel Friedmans leblose Philosophie

    Michel Friedmans leblose Philosophie

    Ich habe Michel Friedman geliebt. Als er sein Buch „Fremd“ im Literaturhaus Frankfurt vorstellte, las Peter Schröder Auszüge. Das war so bewegend, dass wir im nächsten Frühling ins Schauspiel Frankfurt gingen, nur um Peter Schröder als König zu sehen. FREMD habe ich im Neue Zwanziger Salon besprochen, bei Jung & Naiv empfohlen und als eines der wenigen Bücher gedruckt zu Hause.

    Sein Gespräch mit Mithu Sanyal im Jüdischen Museum war ein Highlight. Es ging um Liebe und nach etwa einer Stunde auch um Politik. Ihr fiel es leicht, anzumerken, dass mehr Liebe auch in der Politik, wo sie als Gegengewicht gebraucht würde, etwas Gutes sei. Die Leute stimmten zu. Doch Friedman widersprach: „Sie macht mir genauso Angst, weil ich von dir gelernt habe, vor einer Stunde ungefähr, dass Hass und Liebe eine gewisse Synonymisierung des Affektes und des Unkontrollierten sind. Die Antwort in der Politik ist nicht Gleichgültigkeit, aber Liebe, die enttäuscht wird im Politischen, ist katastrophal für eine Gesellschaft.“

    Ich habe Michel Friedman in kleinen Kreisen erlebt, bei Abendveranstaltungen in Frankfurter Kanzleien, wo man sich Zeitungsredakteure einlädt, um über die Gefahr der AfD zu sprechen und man beklommen spürt, dass etwas zu viel Faszination mit im Raum ist, bis Friedman aufsteht, um zum Gespräch Anmerkungen zu machen, auch solche, die man von ihm auf den größeren Bühnen nicht kennt.

    In meinem Buch „Die Kinderwüste“ (erscheint erst im März) zitiere ich aus Friedmans Gespräch mit der Psychoanalytikerin Katinka Schweizer. Es ging um Sexualität, also ein Thema, das uns alle und Michel Friedman auch als öffentliche Figur beschäftigt. Was aber nicht bedeutet, dass es ertragreiche Antworten gibt. Es lief nach vielen zähen Minuten ausbleibender Befriedigung auf folgende Frage an Schweizer als Anklage an den gesamten Wissenschaftsbetrieb hinaus:

    „Entschuldigung, wozu war es dann nötig, dass man Sie so vorzüglich ausgebildet hat, dass Sie das jeden Tag durchdenken, erfahren, erleben mit Patientinnen in der Forschung?“

    Wenn wir uns im Stich gelassen fühlen, wird es interessant. Niemand kann damit so gekonnt und hoffnungsstiftend vor Publikum umgehen wie Michel Friedman. Und so war meine Erwartung, zugegebenermaßen, zu hoch, als es hieß, dass Friedman mit Anne Brorhilker in der Oper Frankfurt über „Macht“ sprechen möchte. Brorhilker habe ich zuletzt beim 38C3 gesehen, mit mir im Saal waren 3000 Menschen, die alle dasselbe Anliegen hatten und dieselbe Erleichterung und Freude zeigten, dass sich endlich jemand dieser Sache annimmt.

    Wenn ich doch weiß, dass mit Cum-Ex- und Cum-Cum-„Geschäften“ Milliarden Euro aus der Staatskasse geraubt wurden und werden, so richtig glauben kann ich das einfach nicht. Wie geht das? Warum macht das jemand? Kann es mir bitte jemand erklären!? Kann jemand was dagegen tun? Warum haben die beiden aussichtsreichen Kanzlerkandidaten, Friedrich Merz und Olaf Scholz, da ihre Finger mit im Spiel?

    Brorhilker ist die Staatsanwältin, die diese Fälle federführend bearbeitet hat. Sie ist die Person, die die schwerwiegende Entscheidung traf, ihre Tätigkeit in der Staatsanwaltschaft aufzugeben, um für die Finanzwende – für die Sache zwar, aber nun gegen den Staat? – zu arbeiten. Kann man außerhalb des Staatsapparats wirklich mehr für den Staat erreichen, als in ihm?

    Ausgerechnet mit ihr wollte Michel Friedman sprechen. Ausgerechnet in der Oper Frankfurt, die ein besonderes Publikum zieht. Ausgerechnet zur Premiere von Macbeth, der in Frankfurt nicht in Rüstung und auf dem Feld gezeigt wird, sondern als Richkid mit Kindergeburtstag in einer Wohnung mit sehr viel Geld für Design und sehr wenig Geschmack.

    Wir saßen also gestern in der Oper. Anne Brorhilker wird uns nicht vorgestellt. Ihr Thema, Cum-Ex, wird nach einer halben Stunde ein einziges Mal nebensächlich erwähnt. Das Wort „Milliarden“ kommt in dem Gespräch nicht vor. Das Wort „Steuern“ fällt einmal, eher zufällig. Dass im Publikum mehrere hundert und auch auf der Bühne zwei ausgeraubte Steuerzahler saßen, schien egal zu sein.

    Anne Brorhilker erzählt von ihrer Mutter, einer Politiklehrerin, die darunter litt, dass ihre Tochter kaum noch Politikunterricht bekam. Michel Friedman sagt dazu: „Wenden wir uns für einen Augenblick Machiavelli zu.“

    Anne Brorhilker spricht darüber, wie Durchsuchungen der Staatsanwaltschaft ablaufen. Michel Friedman unterbricht sie, sagt spöttisch, dass ihre Staatsanwaltschaft „die beste aller“ sei und schließt an: „Der Historiker Jacob Burckhardt schreibt, die Macht, und damit meint er jede, ist an sich böse.“

    Anne Brorhilker erzählt von ihren Erfahrungen in den Chefetagen der Banken. Sie traf dort auf Menschen, die nicht nur nicht wussten, wie ihnen angesichts der plötzlichen Polizeipräsenz geschieht, sondern die einen Dunstkreis aus Speichelleckern um sich scharten, deren vorrangige Aufgabe es war, sie von der Realität – und ihren juristischen Konsequenzen – abzuschotten. Friedman sagt dazu: „Was mich interessiert, ist, Montesquieu hat ja schon vor Jahrhunderten gesagt, eine ewige Erfahrung nennt er das, dass jedem Menschen, der Macht hat, mitgegeben ist, sie zu missbrauchen.“

    Anne Brorhilker erzählt von ihrem „Horrorszenario“, wenn eine Staatsanwältin einen Chef bekommt, „der nicht mitzieht“. Michel Friedman sagt: „Der Schriftsteller Kurt Tucholsky dramatisierte das in der Schriftstellerei. Ich zitiere: ‚Es gibt nur Menschen, die herrschen und solche, die beherrscht werden.‘ Ist das zynisch oder wahr?“

    Max Weber, der römische Dichter Lucan, viele Leute haben also viel zur Macht gesagt. Aber Anne Brorhilker ist jemand, der sie in für uns wichtigen Fällen nutzt und erlebt. Friedman war einfach desinteressiert. Wer Anne Brorhilker bei Logbuch Netzpolitik gehört hat, versteht, wie schwierig es ist, hier desinteressiert zu sein. Cum-Ex ist nicht schwer zu verstehen. Es betrifft uns alle. Wer Anne Brorhilker bei ihren Auftritten im Chaos-Umfeld auch nur fünf Minuten sieht, fragt sich, warum die Podcast-Charts nicht längst voll mit Cum-Ex True Crime sind. Gibt es hier etwa unsichtbare Mächte?

    Finanzwende

    Macht spielt eine Rolle, wenn man als Oberstaatsanwältin den verlorenen Milliarden hinterherjagt. Friedman wollte von ihr wissen, ob sie das Spiel der Macht auch selbst mitspielte. Sie sagte: „Ich kann einen Trick verraten, der verdammt gut funktioniert hat. Ich habe gerne Vorurteile bedient. Und aufgrund meines Äußeren bin ich immer sehr schnell in eine Schublade geschoben worden. Und das hat hervorragend funktioniert.“ 30 Polizisten tauchen in der Vorstandsetage einer Bank auf. Alle 30 Männer werden per Handschlag begrüßt, nur die zierliche Frau wird übersehen – bis sie ihren „Dienstausweis auf den Tisch legt“.

    Dieser Moment blieb gestern leider aus. Anne Brorhilker hat ihren alten Dienstausweis nicht mehr. Aber sie hat jetzt einen neuen und ich habe mir im Verlauf des Gesprächs gewünscht, dass sie ihn endlich zeigt. „Was mich interessiert, ist“ war die Lieblingsfloskel von Friedman gestern Abend. Anne Brorhilker hätte die Chance nutzen sollen: „Herr Friedman, dass sich Anwälte für etwas interessieren, ist schön und gut. Aber die Leute interessiert vielleicht auch etwas.“

    Michel Friedman wollte über Macht, Moral und Manipulation sprechen. Aber an diesem Abend hätte man schlicht und einfach über Mathematik sprechen müssen. Das große Lebensthema von Michel Friedman hat viel mit Geschichte zu tun, aber eben auch mit der Gegenwart und Geld, ganz viel Geld. Geld ist wahre Macht.

  • Friedrich Merz’ drittes Scheitern

    Friedrich Merz’ drittes Scheitern

    Fragt man das Publikum, gibt es zwei Antworten. Ja, möglichst viel Wandel, aber bitte ohne Überraschungen. Wahlkämpfen heißt, beides zumindest anzubieten. Regieren heißt, beides tatsächlich zu liefern. Schwule Hochzeiten, Atomausstieg, Ende der Wehrpflicht – aber ohne dass es jemand merkt. Es gelang ja mal, bis der Streit begann, ob eine nicht geschlossene Grenze auch eine geöffnete ist und ob Viren auch dann töten, wenn man sie gar nicht sieht. Sie war Kanzlerin, aber sie konnte nicht zaubern.

    Ostseezeitung

    Die Ostseezeitung hat dieses Bild von Angela Merkel bei der ersten öffentlichen Lesung ihrer Memoiren in Stralsund gezeigt. Sieht man ihr Buch im Laden stehen, denkt man: Puh, dick – zum Glück muss ich es nicht lesen, ich kenne sie. Ihr ist geglückt, wonach Martin Walser zuletzt strebte. Angela Merkel wurde zum Buch. Ganz ruhig erklärt sie, wie man vom Trabi in den Regierungsflieger wechselt, ohne dass es zu Turbulenzen im Nahverkehr kommt. Merkel-Biograph Ralph Bollmann war daraufhin „leise enttäuscht“. „Sensationen finden sich in ihrem Buch keine“, schreibt Sabine Henkel für die ARD.

    Davon, lesbar zu sein wie ein offenes Buch, ist Friedrich Merz noch immer weit entfernt. Was wir über ihn wissen, ist entweder antike Geschichte oder erzählte Legende. Niemand fühlt es, wenn Journalisten sagen, er sei – eigentlich – ein rhetorisches Talent. Oder wirtschaftspolitisch begabt, weil Blackrock. Was will er, außer seine Biografie komplettieren? Und was haben wir eigentlich damit zu tun? Er versucht sich durchzumogeln:

    „Es gibt kaum ein Schlagwort, das in Reden von Friedrich Merz gerade häufiger vorkommt als ‚Politikwechsel‘. Nach einem Wahlsieg der Union müsse es in Deutschland einen deutlichen Politikwechsel geben, findet der CDU-Chef.“

    Süddeutsche Zeitung

    Ja, finden viele. Aber 53 Jahre Ochsentour, um der Kandidat für „Wechsel“ zu sein? Wer geht denn, auf der Suche nach neuesten Abenteuern, zu einem 69-jährigen Friedrich? Hier hilft man höchstens noch beim Wechsel der Straßenseite. Die Antwort auf die Frage, wie uns Friedrich Merz Wechsel verkaufen will, ist ausgerechnet „CDU pur“. Wahrscheinlich wurden die Plakate schon gedruckt: CDU.Aber pur. Dann fiel ihnen etwas auf.

    Der CDU-Bundesvorstand hat sich vor einigen Tagen in Hamburg getroffen. Merz‘ oberster Wahlkämpfer Carsten Linnemann nahm die Aufgabe auf sich, uns Wähler über sein Programm zu informieren. Was auf der Webseite der Partei steht, ist Paradoxie pur.

    Die CDU will „CDU pur machen“. Im ZDF betonte Linnemann: „Uns geht es um einen Politikwechsel. Und diesen Politikwechsel müssen wir umsetzen.“ Das Wahlprogramm spiegelt wider: „was würden wir umsetzen, wenn wir eine eigene Mehrheit bekommen.“ Koalitionsdebatten vor der Wahl „bringen nichts“, so Linnemann. „Wenn es den Politikwechsel nicht gibt, dann können wir auch nicht regieren. Und deshalb kommt es uns auf diesen Politikwechsel an. Die Agenda 2030 ist ein großes Paket, ein Plan für Deutschlands Zukunft.“
    CDU.de

    Das sieht aus wie politische Kommunikation, ist aber Teufels Küche. Szenarioplanung (sehr modern), aber mit nur einem Szenario (dumm), und dann noch dem unwahrscheinlichsten (peinlich). Politik ist ein Prozess zur Produktion von Entscheidungen, bei dem es durchaus drunter und drüber gehen darf. Allerdings ist der Prozess bereits das Produkt. Das Resultat ist ohne seine Revisionschance gar nicht denkbar. Geld hier, Geld da. Verbot, Gebot. Stadt, Land. Regierung, Opposition. Jede Medaille hat zwei Seiten, alle Bauernregeln gibt es doppelt, einmal so, einmal so.

    Wenn Soziologen wie Klaus Japp und Isabel Kusche über „Die Kommunikation des politischen Systems: Zur Differenz von Herstellung und Darstellung im politischen System“ schreiben, ahnen wir schon: Sie gibt es gar nicht. Der Text ist von 2004, er gilt für die Jahrzehnte davor und seitdem. Wer als Kandidat etwas fordert, macht Politik; wer als Kanzler etwas unterlässt, auch. Alles Sichtbare ist Politik. Der Rest ist konkretes Verwaltungshandeln. Daran zu erkennen, dass sich wirklich niemand dafür interessiert.

    Politik ist aber nicht Hollywood, wo man tüftelt und plant und am Ende läuft ein Film, egal ob noch jemand im Kino sitzt. Politik ist Theater. Auf der Bühne tobt das Leben – aber nur, wenn wir zuschauen. Zuschauen ist mitmachen. Ist niemand da, findet nichts statt. Sind alle da, ist es ein Spektakel. Anders als der Künstler lebt der Politiker allein vom Applaus.

    Merz, der ständig zwischen Regie und Bühne wechselt, weil er gerne die Zügel in der Hand hält, aber den Beifall auch nicht verpassen möchte, sagte am Freitag:

    „Wir werden nächste Woche in den Deutschen Bundestag Anträge einbringen, die ausschließlich unserer Überzeugung entsprechen.“

    Tagesschau

    Offenbar ist es eine verkündenswerte Neuerung, Politik aus Überzeugung zu machen. Diese Woche ist jedenfalls jetzt. Konnte er nicht noch ein paar Wochen warten, um mit seinen Überzeugungen Koalitionen zu verhandeln? Das Richtige tun, ohne auf die Demokratie warten zu wollen, ist kein Erfolgsrezept.

    Ihm geht es um „Aschaffenburg“. Seine Arbeit sieht er nicht mehr darin, Mehrheiten zu organisieren. Er glaubt, die Mehrheiten seien schon da. Allerdings vermutet er sie nur dort, wo er sich nicht sicher sein kann: im für Politiker immer sagenumwobenen Volk.

    In der demokratischen Repräsentation dieser Wählerschaft, im Bundestag, sieht er sie dagegen nicht. Weshalb er allen anderen Parteien noch einen Beipackzettel für seine Anträge mitgibt: „Und wir werden sie einbringen, unabhängig davon, wer ihnen zustimmt.“

    Das ist, als würde der Hauptdarsteller nach seinem Bühnentod, während das Spiel für die anderen schon weitergeht, noch seine Requisiten zusammenpacken. Rucksack auf, Drehung ins Publikum: „Es tut mir leid, ich weiß, dass das Programmheft Ihnen einen stolzen, starken König versprach.“ Abgang.

    Friedrich Merz ist Deutschlands Joe Biden, der auf der Bühne noch seine Familie begnadigt, sich kurz beim Publikum für die Unannehmlichkeiten seiner Figur entschuldigt und dann lächelnd dem Tyrannen den Schlüssel zum Rathaus übergibt.

    Im Bild oben von der Tagesschau sieht man Merz auf der Bühne stehen und zaudern. Er muss uns seinen Gedankengang nicht mitteilen. Jeder, der ihn so stehen sieht, hört es schon tönen: „Ja, die AfD hatte recht.“ Abgang möglichst ohne Grußgeste.

  • Stargate: Trumps KI-Plan(wirtschaft)

    Stargate: Trumps KI-Plan(wirtschaft)

    Die Amtseinführung war wohl etwas irreführend. Sich ins Warme zurückzuziehen, um eine schlaftrunkene Antrittsrede zu halten, galt nur für den Moment. Stilprägend ist, wie es seitdem geschieht. Trump fährt wie erwartet zweigleisig. Es gibt ein politisches Kabinett mit all den Clowns, die irgendwann mal Verteidigung, Gesundheit und Bildung organisieren sollen. Und dann gibt es das zweite, wichtigere Kabinett der Broligarchie, das heute schon seine Arbeit aufgenommen hat.

    Wir haben alle keine Sehgewohnheit für die komfortable Indoor-Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten, aber in der Rotunda des Kapitols sitzen für gewöhnlich nur Politiker. Gäste sitzen oben, zumindest bei Reden zur Lage der Nation oder anderen Anlässen. Nun sah man auch schon deutsche Fernsehprominente im Plenarsaal des Bundestags, wenn sie zur Bundesversammlung geladen wurden. Diese fahren aber am Abend wieder heim.

    Die Tech-CEOs sind auf unterschiedliche Weise in Washington D.C. geblieben. Sam Altman von OpenAI hatte heute seinen ersten offiziellen Termin für Trump. Gleich am Montag wurde ihm der Weg dafür freigemacht, als Trump unter anderem per Executive Order Joe Bidens KI-Regeln wieder aufhob. Dieser hatte sie selbst ohne Kongress-Mehrheiten auch nur als Executive Order formulieren können, wodurch sie naturgemäß auf der Streichliste von Trumps Tag 1 standen.

    Spiegel Online

    Nun also freie Bahn und eine Anschubfinanzierung gleich dazu. Sam Altman soll „Stargate“ leiten. Die ersten 10 Rechenzentren dafür sind bereits im Bau, in Texas natürlich. Zusammen mit SoftBank und Oracle will er nun – ja was eigentlich? Im Raum stehen weitere Hunderte Milliarden Dollar und ganz viel Nähe zwischen den Unternehmen und der Staatsführung.

    Ich schlage dafür folgendes Bild vor: Jeff Bezos hat die KI-Modelle vor einer Weile so charakterisiert: Die LLMs sind eher eine Entdeckung als eine Erfindung. Etwas weitergetrieben ist die elektronische Intelligenz in diesem Bild wie eine außerirdische Lebensform zu verstehen, für die Stargate nun das Portal sein soll, damit Trump dann den Grußonkel macht, wenn sie unsere Gesellschaft erreicht.

    Jeff Bezos

    Das klingt merkwürdig. Aber das ist ja die Kategorie unserer Zeit. Die Forensiker bei Anthropic haben sich schon mit den eigensinnigen Gebaren ihrer Claude.AI beschäftigt. Davon, dass Claude eine Persönlichkeit mitbringt, sind inzwischen einige überzeugt. Ich selbst zum Beispiel. Kevin Roose hat den Text zum dazugehörigen Claude-Kult geschrieben – inzwischen aber die Überschrift abgeschwächt.

    Ich empfehle, sich per Big Technology Podcast und Hard Fork auf dem Laufenden zu halten, darüber, dass AI Safety nicht nur lapidar Aspekte der Sicherheit in den Blick nimmt, sondern dass dieser Forschungszweig das Verhalten der KI insgesamt untersucht und damit auch unser Verhalten mit den neuen Intelligenzen. Die Podcasts sind wichtig, weil dort die Protagonisten dieser Arbeit als Gesprächspartner zu hören sind. Empfehlenswert ist darüber hinaus beispielsweise die Research-Webseite von Anthropic (Claude.AI).

    Stargate could eventually invest as much as $500 billion over four years. The three companies plan to contribute funds to the venture, which will be open to other investors and start with 10 data centers already under construction in Texas.

    New York Times

    Politisch heißt es nun all-in! Trump hat „emergency declarations“ für seine Broligarchen im Programm, falls jemand mal in Energieengpässe läuft oder Ähnliches. Sam Altman wird solche Optionen ziehen. Während der Transition, der Zeit zwischen Trumps Wahl und der Amtseinführung, war er überaus fleißig. Am Montag, so ist in der New York Times zu lesen, hatte er bereits seinen „economic blueprint for A.I. in America“ fertig. Chris Lehane, Head of Global Policy, hat 15 Seiten politisches Programm mitgegeben. Noch Ende des Monats dreht er die Runde, um mit den relevanten Politikern der Trump-Regierung die Pläne zu verfeinern.

    Wozu das alles? Nur ein Beispiel: Die CIA tüftelt gerade an Regierungssimulationen. Wäre doch gut, wenn die amerikanischen Diplomaten wüssten, wie die ausländischen Kollegen auf ihre Offerten reagierten, bevor sie überhaupt von ihnen erfahren. Ich stelle es mir als eine Art Agenten-Westworld vor. Datensammeln, das hat ja schon gut geklappt. Nun werden all die Infos in einen KI-Datenfusionsreaktor gepackt und heraus kommt ein digitaler Zwilling für jede relevante Person der Welt, an der man trainieren und sich abarbeiten kann, bevor man ihr mit der fertigen Beschlussvorlage des neuen politischen Dealmakings zuleibe rückt.

    Ezra Klein hat kürzlich einen seiner Kommentare mit einer wunderbaren Aufgabenbeschreibung unserer Zeit eröffnet: „Donald Trump is returning, artificial intelligence is maturing, the planet is warming, and the global fertility rate is collapsing.“ Es gibt also einiges zu regeln. Frei nach Frank Schirrmachers Diktum – „Sie haben immer zwei Arten, einen neuen Gedanken in die Welt zu bekommen. Der eine ist durch Bücher, der andere ist durch Technologien. Wenn eine Technologie da ist, verändert sich plötzlich alles.“ – kommt die Neuauflage von „The Art of the Deal“ nicht als Buch.


    Updates:

    • Nicht alle sind von Trumps Plan überzeugt.
    New York Times
  • Markus Feldenkirchens Anstand

    Markus Feldenkirchens Anstand

    Es ist Wahlkampf. In diesem wird naturgemäß politisch kommuniziert. Der Wähler soll erfahren, was im Angebot ist, bevor er – so die soziologisch haltlose Unterstellung – seine inhaltlich geprägte Entscheidung trifft und sich für oder gegen politisches Personal entscheidet. Ist man ein Anhänger der Ideologie des aufgeklärten Wählers, muss man die Lüge naturgemäß skandalisieren. Das politische Publikum soll nicht veralbert werden, weil sonst die falschen Politiker im Parlament landen.

    Markus Feldenkirchen, Spiegel- und Apofika-Journalist, ist ein Anhänger dieses Denkens. Entsprechend griff er den aktuellsten Wahlkampf-Stunt von Olaf Scholz in seinem Podcast auf. Der Kanzler sagte im Gespräch mit der F.A.Z.:

    Ich habe das Gefühl, ich sage das hier so offen: Im Augenblick wird mit größter Intensität, großer Umsicht das deutsche Volk belogen.

    Olaf Scholz

    Worauf nun Feldenkirchen im Podcast-Dialog sagte: „Ja, Jasmin, da spitzt sich etwas zu. Die Rhetorik wird schärfer. Ich muss sagen, eben beim Vortragen, ich bin wirklich über Scholz‘ Wortwahl gestolpert.“ Es wäre doch gut, hören wir heraus, wenn Politiker auf der Seite des Anstands blieben und nicht vom Volk redeten, lügen oder andere der Lüge bezichtigen.

    Bei solch einem Ereignis am Tage von Trumps zweiter Amtseinführung schließen sich wie von selbst Gedanken an: Man sieht doch, wohin es führt, wenn das Vertrauen in die Politik erodiert, wenn im Wahlkampf nur noch gelogen wird, sich nicht einmal der mächtigste Mann der Welt in der Verantwortung der Wahrheit sieht. Wie auch immer. Es gibt derzeit wahrscheinlich so viele Appelle zur Wahrheit wie Lügen von Trump.

    Aber wozu? Was wollen uns die Journalisten eigentlich sagen, wenn sie die Lüge in der Politik moralisch markieren und verurteilen? Wer sich selbst als Teil der Politik sieht, fühlt sich vielleicht mit angegriffen, wenn in der eigenen Arena Lügen und Lügner im Raume stehen. Schließlich lebt der Journalismus von Informationen, und es wäre schön, wenn sie stimmen.

    Allerdings ist die Wahrheit im Journalismus nur zweitrangig. In erster Linie geht es in den Nachrichten darum, Neuigkeiten zu erfahren. Erst in zweiter Linie hätte es Wert und Sinn, wenn die Informationen auch wahr wären. Da schnelle Informationen allein durch ihre Lebendigkeit häufig aber nicht so wahr sein können, wie man es gern hätte, dreht man in der Vermittlung ständig nach. Man ergänzt, bietet mehr Kontext, revidiert oder kommentiert – die eigenen Nachrichten, aber insbesondere auch die der anderen. Pluralismus ist der Schlüssel.

    Und so, wie die Wahrheit im Journalismus nur zweitrangig ist, hinter dem höchsten Gut der Neuigkeit, ist es auch bei der politischen Kommunikation. Die Information soll die Wähler zwar informieren, aber nur, um sie zu mobilisieren – oder asymmetrisch zu demobilisieren. Merkels berühmte Doktrin war es, den Wahlkampf möglichst langweilig zu gestalten und es am liebsten beim Zeigen wahrhaftigen Regierungshandelns zu belassen, damit die anderen gar nicht mehr vorkommen.

    Soweit, so theoretisch. Niemand sollte ein Problem darin sehen, dass sich Journalisten und Politiker zumindest in ihrer Selbstauskunft in erster Linie der Wahrheit verpflichtet sehen. Problematisch wird es aber, wenn daraus pervertierte Selbstaufträge abgeleitet werden.

    Wenn der Kanzler sagt, das Volk werde belogen, könnte genau das ja auch stimmen – und eine Neuigkeit sein, und interessant! Über „eine Wortwahl stolpern“ darf jeder, selbst der Sprecher der Worte. Olaf Scholz hätte auch selbst sagen können: „Ich bin beim Betrachten der Nachrichtenlage über einen Gedanken gestolpert: Ich glaube, das Volk wird belogen!“

    In den Podcasts könnte man dann sagen: Hört, hört, es gibt eine Neuigkeit zu verkünden: Offenbar gibt es in der politischen Kommunikation Fortschritte!

    Einer der wichtigsten Protagonisten, der Kanzler, hat doch gestern lediglich angemerkt, worüber sich die klugen Journalisten schon das Maul zerrissen – das 100-Milliarden-Entlastungsprogramm der CDU geht nicht auf. Wenn das die Journalisten ins Stolpern bringt, ist es doch schön, dass wenigstens Politiker mal die einfachste Wahrheit einfach aussprechen. Das Volk wird belogen.

  • Elon Musks Gamergate

    Elon Musks Gamergate

    Elon Musk ist der erfolgreichste Unternehmer unserer Zeit. Das ist leicht gesagt, weil der Maßstab berechenbar und unbestechlich ist – Geld. Aber es ist doch zweiseitig bis zweischneidig. Zu 400 Milliarden Dollar kommt man nicht durch Arbeit, sondern nur durch Arbeitsteilung. Das Wortanhängsel hat hier dieselbe Funktion wie im Wort „Beteiligung“, von Seiten des Kapitals betrachtet. Geld ist eine absolute Kategorie. Bei den Anteilen geht’s um Relationen.

    Es gibt einen Quotienten, der es abbildet. Er setzt sich zusammen aus dem Wachstum an Unternehmenswerten und den Anteilen aller, die dieses Wachstum mit vorantreiben. Private Equity-Verträge auf der einen Seite, Arbeitsverträge auf der anderen. Irgendwer muss die Geräte bezahlen und die Dinge erledigen, die als Ideen im Raum stehen.

    Für den Zampano heißt das: Man möchte möglichst groß wachsen, mit Hebelkräften, aber von den gewonnenen Werten auch möglichst viel behalten. Dieses Gelingen gibt der Leistungsgesellschaft ihren Namen. Wer nur arbeitet oder nur aus der Ferne investiert, bleibt immer nur Sidekick, Supporting Act. 

    Perplexity

    Elon Musk ist dieses Delegieren seiner Finanziers und Arbeiter besonders gut gelungen. Musk besitzt rund 13 Prozent von Tesla, obwohl sich dort 120.000 Mitarbeiter am Aufbau des Unternehmenswerts beteiligen. Er besitzt 42 Prozent von SpaceX, wo 15.000 Menschen mitarbeiten. Nun braucht er immer seltener fremdes Geld und regiert die Belegschaften mit seinen neuen DOGE-Prinzipien – weniger Leute, mehr Wachstum. Vielleicht klappt’s.

    Bei Twitter hat er den Leistungsquotienten schon sehr strapaziert. Er senkte die Zahl der Mitarbeiter von 7500 auf 1500. In ähnlichem Ausmaß kürzte er den Namen, vergraulte die zahlenden Werbekunden und öffnete sich kaum für Investoren. Entsprechend blieb auch vom Kaufpreis, 44 Milliarden, inzwischen kaum etwas übrig. Wahrscheinlich ist der Wert des Unternehmens heute kleiner als der Schuldenstand. (Aber hier finden ohnehin interessante Verrechnungen statt. Wer sie kennt, weiß alles besser.)

    Es laufen allerdings Wetten, ob das Tweetarchiv als Trainingsmaterial für XAI taugt und ob weniger, aber radikalere Tonangeber auf der bei Journalisten beliebtesten Meinungstauschbörse ausreichen, analoge politische Launen gezielt zu steuern. Der ökonomische Verlust wäre dann durch politische Zugewinne ausgeglichen, was derzeit ja beispiellos gut gelingt.

    In all diesen wirtschaftlichen und politischen Unternehmungen Musks gilt: Er spielt. Er überschreitet Grenzen und betritt unentdecktes Land. Er probiert unerhörte Strategien aus, ruft Gegenspieler aus, zerrt sie rücksichtslos aufs Spielfeld und er definiert ständig neue Regeln.

    Frage des Kölner Stadtanzeigers

    Bei allem gilt die Logik, die David McWilliams diese Woche in seinem Podcast maßgebend für unsere Zeit beschrieb: Mit wirtschaftlicher Größe geht nicht Stabilität einher, sondern Fragilität. Die Unternehmen sind so groß, dass sich ein Kleinanleger-Investment nur auszahlt, wenn sich am Unternehmenserfolg die nächsten 30 Jahre oder länger nichts ändert – was dem aktuellen Diskurs und unserer Lebenspraxis doch sehr radikal widerspricht. Das ist eine neue Kategorie nach too big to fail. Denn von diesen Turbulenzen sind nicht nur die Kleinanleger betroffen, die sich dafür entschieden, das Theater als Aktionäre mitzumachen.

    Sometimes when you just feel that you are at your most secure, your wealthiest, your most upbeat is the moment of greatest financial risk.

    David McWilliams

    Wenn Unternehmenserfolg so sehr vom Unternehmererfolg abhängt, verlagert sich auch die Kunst der Prognose von den Wirtschaftswissenschaften zur Psychologie. Das passt zum Zeitgeist, und Wirtschaft galt ja schon immer als „80 Prozent Psychologie“. Elon Musks Potenziale werden nun auf den Feldern ermessen, die er als Spielfeld seiner Potenz ausgeflaggt hat. Das sind zum Beispiel die tatsächlichen Spiele „Path of Exile 2“ und „Diablo“.

    Wenn sich Elon Musk in den Spielen Profile andichtet, die in den jeweiligen globalen Top Ten rangieren, teilt er etwas mit. Beispielsweise, dass es sich nicht mehr lohnt, danach zu fragen, welche Bücher Top-CEOs lesen, wenn sie dafür gar keine Zeit haben. Dass Musk dabei erwischt wird, dass seine Spielfiguren auch während öffentlicher Termine online zocken, wie während des Gesprächs mit Alice Weidel, zeigt uns, was heute als cool gilt. Es offenbart aber auch die offensichtliche Lüge.

    Elon Musk organisiert offenbar sein ganzes Leben nach diesem Leistungsquotienten. Kapitaleinsatz auf der einen und Arbeitsteilung auf der anderen Seite treibt in seinem Fall das Let’s-Play-Format auf die Spitze. Hält sich Elon Musk eine Horde Gamer im Keller, die sich für ihn durch die Spielelandschaften leveln? Das Prinzip ist nicht neu. Typischerweise sitzen die Gamer in Bangladesch im Keller und verhökern ihre erspielten Waffen einzeln. Für dieses Kleinunternehmertum ist Musk zu reich.

    Aus dieser Diskussion wollen wir unsere Lehre ziehen. Elon Musk, der Unternehmer, der den Kapitalismus durchgespielt hat, ist kein Betrüger, aber ein Lügner. Die Accounts sind seine, aber er bespielt sie nicht selbst.

    GPT

    Irgendwer anders spielt in seinem Namen. Wer genau, wissen wir nicht, das ist Sinn und Zweck des Arbeitsvertrags zwischen Musk und den Unbekannten. Hier geht es um Fame. Wenn es um Geld geht, ist die Sache viel leichter. Die Chefin von SpaceX heißt Gwynne Shotwell. Sie hat dort alle Zügel in der Hand. Sie führt das Tagesgeschäft und tüftelt die Geschäfte mit dem Staat und den Kunden aus. Sie arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren für SpaceX und führt das Unternehmen seit mehr als 15 Jahren. Bei Tesla sieht es ähnlich aus. Die Verantwortung ist breit verteilt. Elon Musk geht nicht morgens zur Arbeit und schraubt Räder an Karossen. Er lässt schrauben.

    Soweit, so gut. Wir kannten die Namen nicht, aber wir sind nicht davon überrascht, dass es ist, wie es ist. Im Gespräch mit Tucker Carlson hatte sich Musk als Unternehmer verherrlicht, der sich nur notgedrungen in der Politik einmische, während er sich im Tagesgeschäft lieber mit Elektromotoren und Raketen befasse. Das allerdings ist wohl eine ebenso große Lüge wie sein Gamergate.

    Marc Andreessen hat in einem Gespräch, das sich tiktokgerecht gut mit kitschiger Musik schauen lässt, Musks Management-Strategie erklärt. Er findet sie naturgemäß nachahmenswert cool, doch soziologisch steckt einiges in ihr, das Elon Musk nicht besonders schmeichelt.

    Musks Unternehmen kommen demnach ganz gut ohne ihren CEO aus, bis irgendein größeres Problem gelöst werden muss. Wir kennen es vom ehemaligen Trigema-Chef Wolfgang Grupp, der nachts angerufen wird, weil niemand in der Belegschaft die Verantwortung für die Folgen der Entscheidung „rot oder blau?“ übernehmen möchte. Musk schwebt somit einmal die Woche im Headquarter ein und trifft diese eine Entscheidung. Danach zieht er weiter. In der Summe habe er dann pro Jahr 50 Entscheidungen getroffen. Andreessen meint, es ginge dabei um die schicksalbestimmenden Entscheidungen der Unternehmen.

    Marc Andreessen

    Wie sowas praktisch funktioniert, wissen wir ebenso aus Tiktok-Snippets, die uns immer die Essenz von allem zeigen wollen. Ich referiere ein Video, das sich später genauer betrachten lässt. Jeff Bezos‘ größtes Problem als Amazon-CEO war, in Meetings seinen Managern zu verklickern, dass sie ihre Wortbeiträge nicht für ihn auswendig lernen und durchspielen sollen. Er würde gerne an der Realität seines Unternehmens teilnehmen, um mitzuentscheiden, statt Beschlussvorlagen als Theaterstück serviert zu bekommen. In der Welt dieser Leute – die auch unsere ist – ist Simulation und Spiel nicht nur eine Metapher.